Guillaume Broche, Regisseur bei Sandfall Interactive, hat bestätigt, dass „Attack on Titan“ zu den klarsten Einflüssen hinter „Clair Obscur: Expedition 33“ zählt — dem Überraschungserfolg des Studios, der am 24. April 2025 erschien. Laut Broche prägte die erzählerische Tiefe des Animes ebenso wie dessen symbolträchtige Uniformen sowohl die Story als auch die Bildsprache des Spiels. Schon der Titel verweist auf dieselbe Idee: „Clair-obscur“ ist Französisch für Chiaroscuro, die jahrhundertealte Maltechnik, die mit Renaissance- und Barockmeistern wie Caravaggio verbunden wird und auf starken Kontrasten zwischen Licht und Schatten beruht, um emotionale Intensität zu erzeugen — eine Bildsprache, die das Spiel direkt auf seinen zentralen Mechanismus überträgt: eine Welt, die Jahr für Jahr Stück für Stück ausgelöscht wird.
Sandfall Interactive wurde 2020 von Broche gemeinsam mit Produzent François Meurisse und Technical Director Tom Guillermin gegründet und hat seinen Sitz in Montpellier in Südfrankreich. Die Grundideen zum Spiel skizzierte Broche bereits 2019, während er noch bei Ubisoft arbeitete, bevor er das Unternehmen mitten in der Pandemie verließ, um sie mit einem Kernteam von rund 30 Entwicklern richtig auszuarbeiten — mit einem Budget von unter 10 Millionen Dollar und der Unreal Engine 5, bescheiden für ein Rollenspiel, in dem eine Gruppe Soldaten gegen die „Paintress“ zieht, eine gottgleiche Gestalt, die jedes Jahr eine wachsende Zahl verkündet und damit alle Menschen dieses Alters auslöscht — rundenbasierte Kämpfe mit Echtzeit-Ausweich- und Pariermechanik inklusive.
Was nach dem Release folgte, sprengte offenbar sämtliche Erwartungen des Studios selbst. Expedition 33 erschien direkt zum Start auch im Xbox Game Pass, verkaufte sich 500.000 Mal in den ersten 24 Stunden, knackte nach drei Tagen die Million und erreichte bis zum einjährigen Jubiläum im April 2026 acht Millionen verkaufte Einheiten. Metacritic vergab 91 von 100 Punkten — den höchsten Nutzerwert in der Geschichte der Plattform —, auf Steam standen bei über 100.000 Bewertungen 95 Prozent positive Reviews zu Buche.
Die Auszeichnungen ließen nicht lange auf sich warten. Bei den Game Awards 2025 gewann Expedition 33 neun von 13 Nominierungen, darunter Spiel des Jahres, und wurde damit erst das zweite Spiel nach Baldur's Gate 3, das den Titel bei allen fünf großen Award-Shows abräumte — Golden Joystick Awards, The Game Awards, D.I.C.E. Awards, GDC Awards und BAFTA Games Awards. Nicht jede Jury war so wohlgesonnen: Die Indie Game Awards schlossen das Spiel wegen des Einsatzes generativer KI in der Entwicklung aus, den Preis bekam stattdessen Blue Prince. Genau in dieses Spannungsfeld reiht sich auch die Anime-Inspiration ein — neben Broches eigener Vorliebe für „Attack on Titan“ hat sich Lead Character & Concept Artist Alain Reynaud zusätzlich von „Bleach“ für mehrere Charakterdesigns inspirieren lassen.
Ob die Attack-on-Titan-Verbindung tatsächlich den Ausschlag gab, lässt sich im Nachhinein kaum sauber isolieren. 91 Metacritic-Punkte und ein Game-of-the-Year-Sweep bei fünf Award-Shows sprechen ohnehin für sich. Bemerkenswert bleibt trotzdem, wie unmittelbar sich japanische Popkultur in einem französischen AA-Studio-Projekt niedergeschlagen hat, das mit einem Bruchteil des Budgets großer Konkurrenten am Ende mehr verkaufte und besser bewertet wurde als viele deutlich größere Produktionen — ein Ergebnis, das sich zum Erscheinungszeitpunkt selbst im eigenen Studio in Montpellier wohl kaum jemand so recht auszumalen getraut hätte.
